Die Mental Health Alliance ist eine bundesweite Bewegung für ein System der mentalen Gesundheit, das stärkt, bevor es behandelt. Die Allianz vereint führende Akteur:innen aus Wissenschaft, Versorgung, Verwaltung, Politik, Zivilgesellschaft und junge Menschen, um mentale Gesundheit als gesellschaftliche Querschnittsaufgabe zu verankern – nach dem Prinzip „Mental Health in All Policies”.
Unser Ziel: Ein stärker präventiv ausgerichtetes, bedarfsorientiertes und vernetztes System, das Gesundheitsförderung, Prävention, Frühintervention und Versorgung über alle Lebenswelten hinweg zusammendenkt – insbesondere für die junge Generation.
Initiiert und unterstützt von Krisenchat, der Bertelsmann Stiftung, der Beisheim Stiftung, ProjectTogether, der alv Foundation und der Robert Bosch Stiftung.
Good Practices und Studien, die zeigen, was möglich ist
Was heute schon wirkt – und wie wir daraus tragfähige Strukturen für ein präventives, vernetztes System entwickeln.
Viele Antworten auf die aktuellen Herausforderungen existieren bereits – in Kommunen, Regionen und internationalen Modellen. Was oft fehlt, ist nicht Wissen, sondern Verbindungen: zwischen Praxis, Evidenz und struktureller Verankerung.
Die Mental Health Alliance möchte wirksame Ansätze sichtbar machen und ihre Erfahrungen in übertragbare Modelle, politische Hebel und strukturelle Reformen übertragen.
Internationale Modelle mit Vorbildcharakter
International zeigen verschiedene Modelle, wie mentale Gesundheit frühzeitig, lebensweltorientiert und abgestuft unterstützt werden kann. Diese Ansätze dienen als wichtige Referenzpunkte für die Weiterentwicklung einer deutschen gestuften Struktur.
Headspace
Headspace ist das nationale australische Netzwerk für die psychische Gesundheit junger Menschen – und eines der meistzitierten Modelle weltweit. Über 150 regionale Anlaufstellen (bei rund 27 Mio. Einwohner:innen) bieten 12- bis 25-Jährigen niedrigschwelligen Zugang zu integrierten Angeboten rund um psychische Gesundheit, psychosoziale Beratung sowie Bildungs- und Übergangsfragen – alles aus einer Hand, ergänzt durch digitale Angebote.
- Strukturelles Kernprinzip: One-Stop-Service mit integrierten, multidisziplinären Angeboten rund um psychische Gesundheit, psychosoziale Belastungen, Bildung und Beschäftigung.
- Finanzierung und Skalierung: Überwiegend öffentlich finanziert; national ausgerolltes Modell mit regionaler Umsetzung.
- Relevanz für Deutschland: Zentrale Erstanlaufstellen als niedrigschwelliger Zugang Koordination weiterer Unterstützung und Versorgung aus einer Hand Internationale Evaluationen zeigen eine gute Kosteneffektivität (ICER <30.000€; unter gängigen gesundheitsökonomischen Schwellenwerten)
Jigsaw
Jigsaw ist Irlands Antwort auf die Frage, wie frühe Unterstützung für junge Menschen wirklich funktionieren kann – ohne lange Wartezeiten, ohne komplizierte Zugangswege. An 14 regionalen Anlaufstellen (bei rund 6 Mio. Einwohner:innen) erhalten 12- bis 25-Jährige schnelle, lösungsorientierte Unterstützung: im Alltag, in der Schule, in Beziehungen.
- Strukturelles Kernprinzip: One-Stop-Service mit starkem Fokus auf frühe Unterstützung und schnelle Entlastung.
- Besonderheit: Single-Session-First-Approach: lösungsorientiertes Erstgespräch als Regelstandard; anschließend »one session at a time«
- Relevanz für Deutschland: One-Stop-Service mit integrierten gesteuerten Angeboten, Single-Session-First-Approach: frühzeitiges lösungsorientiertes Erstgespräch bringt schnelle Entlastung und reduziert durchschnittliche Anzahl an benötigten Sitzungen
CYPMHS (Children & Young People Mental Health Services)
Das britische CAMHS-Modell zeigt, wie ein gestuftes Versorgungssystem für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren systematisch aufgebaut werden kann. Entscheidend ist dabei nicht nur die Abstufung selbst, sondern die Idee, dass jede Stufe klar definiert, zugänglich und miteinander verbunden ist – sodass junge Menschen die Unterstützung bekommen, die sie wirklich brauchen, ohne über- oder unterversorgt zu werden.
- Strukturelles Kernprinzip: Vierstufiges Versorgungsmodell von Gesundheitsförderung & Prävention über lebensweltnahe Unterstützung bei leichten/mittleren psychischen Problemen bis hin zu multidisziplinären klinischen Angeboten oder hochspezialisierte Versorgung bei schweren Erkrankungen
- Relevanz für Deutschland: Passgenaue Angebote je nach Schweregrad und Unterstützungsbedarf
Foundry (Free & Confidential Youth Wellness Support)
Kanada hat in neun von zehn Provinzen eigenständige, integrierte Systeme für die psychische Gesundheit junger Menschen entwickelt – ein beeindruckendes Beispiel dafür, dass auch in föderalen Strukturen nationale Verbesserungen möglich sind. Das Modell aus British Columbia, Foundry, ist eines der am weitesten entwickelten: An aktuell 18 Standorten erhalten 12- bis 24-Jährige Zugang zu integrierten One-Stop-Services, die von Anfang an partizipativ – mit und für junge Menschen – entwickelt und regionalen Gegebenheiten angepasst wurden, ohne dabei den gemeinsamen Rahmen zu verlieren.
- Strukturelles Kernprinzip: Integrierte One-Stop-Services für psychische Gesundheit, Substanzkonsum, soziale Unterstützung und Primärversorgung.
- Relevanz für Deutschland: Übertragbarkeit integrierter Angebote auch in föderalem System mit regionaler Gestaltungsfreiheit
Peerbasierte Modelle: Headspace DK & @ease NL
Nicht immer braucht es Fachpersonal, um jungen Menschen in schwierigen Momenten wirklich zu helfen – manchmal braucht es vor allem jemanden, der versteht, wie sich das anfühlt. Genau darauf setzen peerbasierte Modelle wie Headspace Dänemark (37 Zentren bei 6 Mio. Einwohner:innen, vergleichbar mit Hessen) und @ease in den Niederlanden (15 Zentren bei 18 Mio. Einwohner:innen, vergleichbar mit NRW): ausgebildete, ehrenamtliche Peers begleiten junge Menschen von 12 bis 25 Jahren durch aktives Zuhören und lösungsorientierte Beratung – niedrigschwellig, kostenlos und auf Augenhöhe.
- Strukturelles Kernprinzip: Niedrigschwellige, leicht zugängliche Anlaufstellen mit Unterstützung durch ausgebildete ehrenamtliche Peers mittels aktivem Zuhören und lösungsorientierter Beratung.
- Relevanz für Deutschland: Kostengünstige, niedrigschwellige und zielgruppennahe Beratung durch Peer-Ansatz und Entlastung formeller Versorgungssysteme
Good Practices aus Deutschland: Strukturen im Aufbau
Auch in Deutschland entstehen zunehmend integrierte, lebensweltnahe Ansätze. Sie zeigen, wie Prävention, Frühintervention und Versorgung innerhalb bestehender Systeme neu verbunden werden können.
Urban Mental Health
Forschungs- und Implementierungsansatz des DZPG, der psychische Gesundheit direkt in den Lebenswelten junger Menschen stärkt – in Kitas, Schulen und Jugendhilfe. Fachkräfte werden qualifiziert und Einrichtungen vernetzt zur Stärkung bestehender Strukturen. Das Projekt verbindet Verhaltens- und Verhältnisprävention mit psychotherapeutischer Versorgung – wissenschaftlich evaluiert, partizipativ entwickelt und auf Transfer ausgelegt.
Strukturelle Kernprinzipien
- Verknüpfung von Verhaltens- und Verhältnisprävention sowie Behandlung
- Nutzung und Stärkung bestehender Strukturen
- Einbindung und Qualifizierung vorhandener Fachkräfte
- Transdiagnostischer, modularer Ansatz
Soulspace (Berlin)
Soulspace ist ein Berliner Kooperationsmodell zwischen einer niedrigschwelligen Kontakt- und Beratungsstelle und der Psychiatrie des Vivantes Klinikums Am Urban – und zeigt, wie frühe Unterstützung und spezialisierte Versorgung direkt miteinander verbunden werden können. Inspiriert vom australischen Headspace-Modell, schließt Soulspace eine zentrale Lücke im deutschen Versorgungssystem: den Übergang zwischen niedrigschwelligem Erstkontakt und intensiverer therapeutischer Begleitung.
- Strukturelles Kernprinzip: Niedrigschwellige Erstberatung für junge Menschen von 15–27 bzw. 35 Jahren mit ggf. direkter Weitervermittlung in intensivere therapeutische Angebote.
- Systemischer Mehrwert: Brücke zwischen früher Unterstützung und spezialisierter Versorgung
RECOVER
Das Hamburger Modellprojekt ist ein evidenzbasiertes, integriertes Versorgungsmodell für Menschen mit psychischer Erkrankung ab 16 Jahren, das in einer randomisiert-kontrollierten Studie erprobt wurde – und damit zu den am besten untersuchten integrierten Ansätzen im deutschen Kontext gehört. RECOVER will die Versorgungslücken schließen. Dabei verfolgt das Modellprojekt einen ganzheitlichen Ansatz: Vom Erstkontakt über den Behandlungszeitraum bis hin zur Wiedereingliederung in den Alltag soll es für alle Patient:innen eine gestufte und koordinierte Versorgung geben.
Es zeigt also, wie eine konsequente Abstufung nach Schweregrad in Kombination mit sektorenübergreifender Vernetzung die Versorgungsqualität deutlich verbessern kann. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der besseren sektorenübergreifenden Zusammenarbeit zwischen Hausärzt:innen, Krankenhäusern, Arbeitgeber:innen und Angehörigenverbänden. Dafür werden modernste Therapieansätze zusammengeführt (beispielsweise auch E-Mental-Health Module) und besondere Anreizsysteme gesetzt, sich an der Umstrukturierung hin zu einer evidenzbasierten, wohnortnahen und gesellschaftlich eingebundenen Versorgung aktiv zu beteiligen.
Strukturelles Kernprinzip:
- Vierstufiges, schweregradgestuftes Modell
- Sektorenübergreifende Vernetzung relevanter Versorgungsinstitutionen
Evidenz, die Handeln ermöglicht
Globaler Handlungsauftrag
Die 2. Lancet Commission on Adolescent Mental Health fordert einen grundlegenden Perspektivwechsel: Weg von fragmentierter Behandlung, hin zu präventiven, lebensweltorientierten und politisch verantworteten Systemen für mentale Gesundheit junger Menschen.
Konkrete Empfehlungen
- Mentale Gesundheit als gesamtgesellschaftliche Aufgabe begreifen – nicht nur als medizinische Zuständigkeit
- Prävention, Bildung, Jugendhilfe, Gesundheit und Soziales systematisch verbinden
- Langfristige Governance-, Finanzierungs- und Verantwortungsstrukturen schaffen
- Von isolierten Projekten zu integrierten, skalierbaren Strukturen wechseln
Globale Leitprinzipien für die Implementierung
Wirksame Förderung der psychischen Gesundheit junger Menschen erfordert integrierte, präventiv ausgerichtete Systeme mit niedrigschwelligem Zugang, früher Intervention und aktiver Beteiligung von Jugend und Familien – statt fragmentierter Einzelangebote.
Konkrete Empfehlungen:
- Niedrigschwellige Zugänge systematisch ausbauen
- Zentrale, jugendgerechte Erstanlaufstellen schaffen, die schnellen, einfachen und bezahlbaren Zugang ermöglichen und bei Bedarf in weiterführende Unterstützung oder Versorgung steuern.
- Prävention und Frühintervention priorisieren
- Ressourcen gezielt in frühe Unterstützung investieren, um Chronifizierung zu vermeiden und spätere, kostenintensive Behandlungen zu reduzieren.
- Jugendliche, Familien und Communities als Partner einbinden
- Junge Menschen und ihr soziales Umfeld aktiv an Gestaltung, Umsetzung und Weiterentwicklung von Angeboten beteiligen, um Wirksamkeit und Akzeptanz zu erhöhen.
- Qualität, Integration und kontinuierliche Verbesserung sichern
- Angebote sektorenübergreifend vernetzen, klare Verantwortlichkeiten schaffen und Systeme datenbasiert kontinuierlich weiterentwickeln.
Strukturelle Prävention braucht Systemverantwortung
Im Januar 2026 fordert der Wissenschaftsrat eine deutlich stärkere strukturelle Verankerung von Prävention, sektorenübergreifende Koordination sowie langfristige Finanzierungsmodelle für gesundheitsförderliche Strukturen.
Warum das wichtig ist:
- Prävention ist bislang zu projektbasiert.
- Steuerungsstrukturen fehlen.
- Zuständigkeiten sind fragmentiert.
- Nachhaltige Finanzierung ist nicht ausreichend gesichert.
Gesundheitsförderung wirkt, wenn sie früh, lebensweltlich und nachhaltig gestaltet ist
Gesundheitsförderung im Kindes- und Jugendalter stärkt Wohlbefinden, Resilienz und Teilhabe – besonders dann, wenn sie strukturell in Lebenswelten verankert ist.
Warum das wichtig ist: Studien zeigen: Früh ansetzende, lebensweltnahe Gesundheitsförderung (z. B. in Kitas, Schulen und Kommunen) wirkt nachhaltig und reduziert spätere psychische Belastungen. Entscheidend ist die Verbindung von individueller Förderung und gesundheitsförderlichen Rahmenbedingungen.
Prävention rechnet sich
Im Mittel 14 € Return pro investiertem Euro: Präventive Public-Health-Maßnahmen sparen langfristig deutlich mehr Kosten ein, als sie verursachen.
Warum das wichtig ist: Internationale Studien zeigen: Früh ansetzende Präventions- und Gesundheitsförderungsmaßnahmen erzielen einen klar positiven Return on Investment. Besonders wirksam sind Interventionen auf nationaler Ebene (ROI 27,2), im Gesundheitsschutz (ROI 34,2) und legislative Maßnahmen (ROI 46,5). Einsparungen entstehen nicht nur im Gesundheitssystem, sondern auch in Bildung, Sozialleistungen und Arbeitsmarkt.
Struktur entscheidet über Wirkung
Bis zu 40 % bessere Behandlungsergebnisse allein durch bessere Organisation und Systemdesign.
Warum das wichtig ist: Die Lancet-Analyse des britischen IAPT-Programms zeigt: Nicht neue Therapien, sondern gut organisierte, gestufte Versorgungssysteme machen den Unterschied. Kurze Wartezeiten, klare Pfade, ausreichend Behandlungsintensität und kontinuierliches Outcome-Monitoring steigern die Wirksamkeit signifikant – selbst unter schwierigen sozioökonomischen Bedingungen.
Qualität fehlt dort, wo junge Menschen Hilfe suchen
In Europa berichten viele Länder zwar Pläne für Kinder- und Jugend-Mental-Health, aber Qualitätsstrategien fehlen oft (nur 17/39 mit nationaler Qualitätsstrategie).
Warum das wichtig ist: Trotz Präferenz junger Menschen für community-basierte Hilfe haben 6/24 Länder keine ambulanten community-Angebote, und 9/25 keine schulbasierten Angebote. Genau hier entstehen zentrale Versorgungslücken.
Wohlbefinden messbar machen heißt Prävention steuerbar machen
Subjektives Wohlbefinden bei 10–24-Jährigen lässt sich quantitativ erfassen – es gibt 52 etablierte Messinstrumente (davon 19 speziell für Jugendliche).
Warum das wichtig ist: Ohne gemeinsame Messlogik bleibt Prävention oft »gut gemeint“, aber schwer steuerbar. Die Review zeigt zudem: „Safety & supportive environment« ist bislang am schlechtesten abgedeckt – also genau der Teil, der stark von Lebenswelten (Schule, Kommune, Digitales) abhängt.
Internationale Leitlinien und Studien zeigen konsistent, was wirksame Prävention, frühe Unterstützung und gesundheitsförderliche Rahmenbedingungen ausmacht. Diese Evidenz bildet die Grundlage dafür, bestehende Ansätze systematisch zu verbinden, zu stärken und weiterzuentwickeln.